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8daw

ei8ht days a week – Streifzüge durch den Wandel

mit Boris Kochan und Freunden am 13. November 2020

 
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

was für ein Morgen: draußen weißer Nebel und drinnen November Rain. In einem der teuersten Musikvideos aller Zeiten überlagern sich Auflehnung und Ausgelassenheit, Konvention und Tragik, das Klavier von Axl Rose (natürlich ein Anagram von Oral Sex) mit den Soli von Slash … und eine Hochzeit in Weiß. Der 11-Freunde-Redakteur Andreas Bock hat Guns N’ Roses einmal sehr persönlich in der ZEIT portraitiert: »Die Band war für viele Mittelstandskinder, die Ende der siebziger Jahre geboren waren, die erste Ausfahrt aus ihrem wohltemperierten Leben. Sie öffnete einer ganzen Generation, die aufgewachsen war mit Songs von Modern Talking und Ansprachen von Helmut Kohl, die Hintertür zu unbekannten Subkulturen und neuen Wahrheiten. Sie berichtete vom Leben und vor allem vom Sterben.« Echter November eben, schon gerade an einem Freitag, dem dreizehnten. Die schon erwähnte Hochzeit in Weiß – in einem Kleid als Symbol für Unschuld und Reinheit – ist eigentlich neumodisches Zeug, erst mit der so gar nicht unschuldigen britischen Königin Victoria wurde 1840 bei ihrer Heirat mit Albert aus dem bis dahin zumeist getragenen romantischen Rot ein reines Weiß.

Symbolträchtig – im Bezug zu den Suffragetten, der Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien und den USA – war auch der weiße Anzug, den Kamala Harris bei ihrer Siegesrede getragen hat. Weiß ist allerdings nicht nur die Farbe der Perfektion und Gottesähnlichkeit, sondern auch der Leichtigkeit – worauf der Farbforscher Axel Buether in seinem Buch Die geheimnisvolle Macht der Farben hinweist: Bei Versuchen mit Probanden wurden weiß gefärbte Kisten etwa als deutlich leichter empfunden als dunkel angestrichene, obwohl das Gleiche drin war. Eine neue Leichtigkeit, eine neue Gelassenheit im Weißen Haus könnte eigentlich nicht schaden, denke ich ...

Womit wir bei Kenya Hara wären, der in dieser 8daw-Ausgabe noch einmal Erwähnung findet: »Je enger unsere Beziehung zu Weiß wird, desto leuchtender wird unsere Welt und desto intensiver werden die Schatten.« Die Nichtfarbe Weiß steht bei ihm für Möglichkeit – und macht so einen ganz großen Bogen auf zu einer Umarmung der Leere jenseits jeglichen Schwarz-Weiß-Denkens – oder, anders gesagt, macht so richtig Lust auf Zukunft. Können wir doch gerade alle gut gebrauchen, oder?

Kraftvolle Grüße zu einem Wochenende mit ganz viel Weiß!
Boris Kochan


Latente Möglichkeit
 

Publicity lehnt er ab. Er lässt sich nicht fotografieren, gibt kaum Interviews und kommuniziert in der ersten Person Plural. Nicht auf ihn, den visionären Modedesigner Martin Margiela soll sich die Aufmerksamkeit richten, sondern einzig auf das Produkt. Das geht so weit, dass seine Models Strumpfmasken tragen oder Inkognito-Brillen, die wie schwarze Balken vor den Augen liegen und die Identität der Models verschleiern. Er konstruiert und dekonstruiert, verformt, verwandelt. Das Innere dreht er nach außen. Soldatensocken werden zum Pullover, Damenhandschuhe zur Bluse. Als stolze Paarhufer in Tabi-Schuhen defilieren haarummantelte Wesen. An den Kleidungsstücken lässt sich Margielas Autorenschaft nur an vier von außen sichtbaren Heftstichen erkennen, die ein schlichtes, namenloses, weißes Etikett halten. Später tragen die Etiketten die Nummern der Designlinien. Beziehen Margiela und sein Kreativ-Kollektiv ein neues Atelier oder einen Laden, wird die Geschichte der Räume fühlbar gehalten. Wände, Gegenstände, Möbel, Geräte werden weiß übermalt. Sogar der Kaffeeautomat.

Der japanische Designer Kenya Hara schreibt in Weiss: »In alten Zeiten sollen die Japaner Gegebenheiten, bevor sie entstanden oder sich zutrugen, die also in den Bereich latenter Möglichkeiten fielen, als kizen (Noch-nicht-Sein) bezeichnet haben. Weiß trägt die Möglichkeit in sich, sich zu einer anderen Farbe zu entwickeln, und ist gewissermaßen die kizen-Farbe.« Weiß steht als Nicht-Farbe für die Summe aller Farben, es ist ebenso keine wie alle Farben, symbolisiert die Fülle und die Leere, den Anfang und das Ende. In vielen Kampfsportarten erhält der Anfänger den weißen Gurt zum Start. Er zeigt den reinen, gewissermaßen unbefleckten Kenntnisstand des Anfängers. So erklärt sich auch die Farbe der Unschuld oder der Jungfräulichkeit. Latente Möglichkeit. [gw]