ei8ht days a week – Streifzüge durch den Wandel
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mit Boris Kochan und Freunden am 22. Dezember 2021 |
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Sehr geehrte Damen und Herren,
Frieden, Frieden flüstert der »silbrig gekleidete, rotwangige Weihnachtsengel« in Heinrich Bölls bitterböser Gesellschaftsparabel Nicht nur zur Weihnachtszeit. Das deutscheste aller deutschen Feiersymbole, der wohlproportionierte und reich behängte Tannenbaum, wird darin zum manischen Objekt einer Familie, die nun nicht nur an Heiligabend, sondern wegen der weihnachtswahnsinnig gewordenen Tante Milla jeden, wirklich jeden Tag um 18:30 Uhr das Ritual mit allem Drum und Dran zelebriert. Welch entsetzliche Vorstellung! Die unablässige Wiederholung des Immergleichen hat Sascha Lobo in der letzten Woche veranlasst, seine Gefühlslage unter Bezug auf das wohl berühmteste (und deutscheste) Zitat der Literaturklassik zu beschreiben: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust: Nach fast zwei Jahren Pandemie kann ich sagen – die eine wohnt, die andere wütet, sie flackerwütet. Meine Vernunftseele ist größer, stärker und beständiger. Sie hat es mittlerweile geschafft, sich durch die verschiedenen Phasen von Erstaunen, Empörung, Hoffnung, Ernüchterung, Neuerstaunen, Neuempörung, Neuhoffnung, Neuernüchterung, Resignation und schließlich Akzeptanz zu arbeiten. Sie hat inzwischen ihren Frieden mit der Dauerpandemie gemacht, weil es auch gar nicht anders geht, wenn man nicht durchdrehen möchte. Meine Impulsseele dagegen bricht immer mal wieder durch, zum Beispiel zum Anlass von besonders unverständlichen, besonders unverschämten, besonders irrwitzigen Nachrichten oder Geschehnissen.« Die Seelenlage der Nation ist nicht sonderlich erhaben in dieser Weihnachtswoche, große oder gar feierliche Gefühle wollen sich schon in normalen Jahren kaum und in diesem so gar nicht einstellen (was ist eigentlich noch normal zukünftig?). Und so sind wir auf unseren ausnahmsweise am Weihnachtswochenmittwoch erscheinenden 8daw-Weihnachts(musik-)Streifzügen ausgerechnet Patti Smith begegnet … und ihren so wunderbar brüchig-lyrischen Christmas-Songs. Sie erstaunen und helfen – zumindest mir – über diese nun so gar nicht stille Zeit. Oh, bitte: Frieden, Frieden! Herzlich Boris Kochan |
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Herr: es ist Zeit. Nach 60 regulären 8daw-Ausgaben (und zuvor schon 27 Alpha- und Beta-Ausgaben) feiern wir nicht nur Weihnachten. Sondern auch unser Durchhaltevermögen. Mit einer kleinen Jahreswechselpause bis zum 14. Januar. |
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Wenn Gott Designer wäre, hätte er in den letzten 50 Jahren in Bayern gerade fünf Mal einen Design-Award gewonnen: 1969, 1981, 1986, 2001 und 2010. Denn nur in diesen Jahren hat er die Landschaft in das Glitzertuch aus Schnee gehüllt, das nicht nur visuell besticht, sondern mit seiner schlittentauglichen Oberfläche auch noch funktionell jeden Weihnachtsmann überzeugt. Äußerst kreativ auch, die längste Nacht des Jahres just in diese Zeit zu legen, um idyllischem Lichtergefunkel eine Bühne zu geben – was ihm allerdings in der Ära der Elektrobeleuchtung die Chance auf einen Nachhaltigkeitspreis gründlich verhagelt. Jenseits dieser göttlichen Rahmenbedingungen ist der Rest der Weihnachtsdeko dann doch sehr menschgemacht, inklusive Krippenfiguren, Nikoläusen, Rauschgoldengeln, Weihnachtsbäumen … Wie auch das ganze Weihnachtsfest sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich dilettantisches Menschenwerk darstellt: Zusammengeschustert aus heidnischen Versatzstücken, verkommen zur Ikone des Konsumterrors – den übrigens schon Konrad Adenauer beklagte. Inszeniert als cultural performance, die Eltern für ihren Nachwuchs aufführen, auf dass er glauben möge, was sie nicht mehr glauben. Wer in drei Teufels Namen glaubt eigentlich noch ans Christkind? Und mit welchem Recht versammeln sich diejenigen, die es nicht tun, frohlockend unterm Weihnachtsbaum? Wo wir doch seit der Aufklärung, spätestens seit Friedrich Nietzsche wissen: Gott ist tot. Die bange Frage bleibt: Weiß ER das auch? Vom Physik-Nobelpreisträger Niels Bohr erzählt man sich, er hätte ein Hufeisen über seine Türe gehängt, mit den Worten, er glaube nicht daran, aber es funktioniere vielleicht auch, wenn man nicht daran glaube.
Glaube hin, Glaube her: Wohl kaum eine säkulare Veranstaltung kann jemals den Zauber eines mystisch-religiösen Rituals ersetzen. So feiern auch bekenntnislose Menschen Weihnachten, weil es Bestandteil unserer christlich geprägten Welt ist, und leben so eine Art Kulturreligiosität, wie der Philosoph Andreas Urs Sommer es nennt. Schließlich hat sich auch, wie er es beschreibt, das Christentum von einer ursprünglich weltabgekehrten Haltung zu einer Kirche der Sozialethik gewandelt, deren Werte paradoxerweise eine Religion überflüssig machen. Damit wir uns trotzdem nicht so leicht von ihr trennen, hat Gott ihr die Schönheit gegeben. Mit Lichterglanz, Plätzchenduft und Himmelsmusik. [sib] |
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Stille Nacht! Überall dieses Sternengefunkel. Spekulatiusgebrösel. Glühweinschwaden. Der Duft von Zimt sickert in zähe Online-Konferenzen. All die bissigen K-Worte sind unter die Schmusedecke schaumig orchestrierter Kinderchöre gerührt: Klingeling, Konkurrenz, Kapitalismus, Konsum, Klimakatastrophe, Klingeling. Das Ganserl lacht bis zur Heiligen Nacht. |
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Der Dezember ist etwas mehr als zur Hälfte rum und schon denke ich mit Schrecken an jenen Satz von Karl Valentin: »Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger«: Weihnachten dräut! Und sonst so? Außer, dass Joshua Kimmich, der Brave, sich jetzt doch impfen lässt und Max Verstappen Formel 1 Weltmeister geworden ist? Zugegebenermaßen muss es ja ein ziemlich spannendes Finish gewesen sein, im letzten Rennen. Aber darauf, dass dieses Jahr das arktische Klima völlig aus der Spur geraten ist, hatte das vermutlich trotzdem keinen heilsamen Einfluss. O du lieber Augustin! – dann doch lieber Weihnachten: du Fest der großen Gefühle, der sentimentalen Aufwallungen und bleischweren Traditionen, der vorläufig endgültigen Familienzerwürfnisse und der Wiederholung des ewig Gleichen! Und danach: gähnende Leere. Öde und weit … Sinnstiftend und tröstlich kann in solch dunklem Moment auch Musik sein – zumindest dies versuchen. In seinem Ensemble-Stück Mouvement (– vor der Erstarrung), dessen Uraufführung ich 1984 erleben durfte, hat Helmut Lachenmann seine Hoffnung auf einen Neuanfang als Ausgang aus der Leere formuliert. Ein radikales Stück über eine inhaltslos gewordene Gefühligkeit oder Expressivität, zerbrochen und entleert durch deren endlos-sinnlose Wiederholung. So schwirren in Lachenmanns Komposition nur noch Fragmente von ehemals Ausdrucks- und Bedeutungsvollem durch den Klangraum, bis hin zum geklopften Rhythmus jenes Liedes vom lieben Augustin, mit dem ein Bänkelsänger während der Pest im Wien des ausgehenden 17. Jahrhunderts die Menschen zu trösten versuchte. Alles ist hin … Ist es nicht, meint Lachenmann, denn gerade aus diesem Fragmentierten kann, wenn es denn in ein neues Licht gesetzt und reflektiert wird, ein Weitergehen entstehen, das zu etwas Neuem führt. Und so entwickelt die Komposition Mouvement (– vor der Erstarrung) bei aller Fremdartigkeit, bei aller geräuschhaften Klangverfremdung, auch eine ganz eigene Dynamik, die weit über den Moment hinausweist. Eine merkwürdig zerrissene Klanglandschaft, für manche Ohren gewiss kakophonisch, aber doch inwendig voller Figur, wie Dürer einst so schön sagte, und darin umso optimistischer. [um] |
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Wem das jetzt zuviel Formel-1-Bashing von mir gewesen sein sollte und wer womöglich auch noch den Wunsch hegt, sich zu Weihnachten einen neuen mobilen Untersatz zuzulegen, dem sei zum Ausgleich an dieser Stelle die absolut unsterbliche Hymne Mercedes von Janis Joplin empfohlen. Ökologisch vielleicht nicht ganz unbedenklich, aber dessen ungeachtet noch immer ganz, ganz großartig: hier nachzuhören. |
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Patti Smith liebt das Umherstreifen – wenn irgend möglich seilt sie sich auf ihren Tourneen ab und flaniert durch die Straßen der Städte. Und notiert in ihrem digitalen Instagramtagebuch kurze poetische Momente. Das letzte Weihnachtslied dieser 8daw-Ausgabe hat sie 2012 im Masonic Temple als Teil einer Weihnachtsfeier gesungen: Christmas Time Is Here. |
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Und wenn man sich dann durch die Weihnachtstage mit ihren immerwährenden Ritualen gequält hat, ja, dann steht auch schon das Neue Jahr vor der Tür … |
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In der 8daw-Ausgabe BETA #13 vom 24. Juli 2020 haben wir uns unter anderem mit dem Thema geschlechterspezifische Schreibweise beschäftigt. Im Ergebnis fanden wir die Empfehlung eines Lesers für uns am geeignetsten: »Der Mittelpunkt (MacOS: Shift+Alt+9; Windows: Alt+0183) wird eingesetzt wie der Asterisk *, stört jedoch deutlich weniger den Lesefluss der Leser·innen, weil er nicht nach Fußnoten ruft und auch keine Textlücken reißt wie der Gender_Gap. Im Hinblick auf Lesbarkeit und Typografiequalität also eine bessere Alternative, und inhaltlich – als Multiplikationszeichen verstanden – treffend. Oder?« Wir stellen unseren Autor·innen jedoch frei, ob sie den Mittelpunkt oder eine andere Form benutzen. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind jedenfalls geschlechtsneutral zu verstehen. |
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8daw ist der wöchentliche Newsletter von Boris Kochan und Freunden zu Themen rund um den Wandel in Gesellschaft, Kultur und Politik, Unternehmen und Organisationen. Er erscheint in Verbindung mit Kochan & Partner und setzt so die langjährige Tradition der Netzwerkpflege mit außergewöhnlichen Aussendungen in neuer Form fort. 8daw versteht sich als Community- und Kollaborations-Projekt insbesondere mit seinen Leser·innen – Kooperationspartner sind darüber hinaus zum Beispiel die GRANSHAN Foundation, die EDCH Foundation, der Deutsche Designtag (DT), der BDG Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner und die Typographische Gesellschaft München (tgm). |
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Redaktion: Ulrich Müller [um] und Gabriele Werner [gw]; Chefin vom Dienst/Lektorat: Sigrun Borstelmann [sib]; Regelmäßige Autoren: Markus Greve [mg], Sandra Hachmann [sh], Herbert Lechner [hel], Martin Summ [mas]; Illustrationen: Martina Wember [mwe]; Bildredaktion, Photo-Editing: Pavlo Kochan [pk] mit Unterstützung der Bildredaktion von Kochan & Partner; Homepage: Pavlo Kochan [pk]; Design/Technik: Michael Bundscherer [mib]; Schriften: Tablet Gothic von Veronika Burian und José Scaglione sowie Coranto 2 von Gerard Unger über TypeTogether; Versand über Clever Reach.
Bildnachweis: ©Patti Smith – thisispattismith · Fundstück Courtesy of Imgur
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