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8daw

ei8ht days a week – Streifzüge durch den Wandel

mit Boris Kochan und Freunden am 28. Mai 2021

 
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

echt war gestern, heute gibt es NFTs, Non Fungible Token: quasi den digitalen Beweis für etwas, was nicht wirklich ist … aber über Markierung (Achtung, nicht: Marketing!) ins Dasein erhoben wird. So kann der nur 56 Sekunden lange, wenig originelle, jedoch viral gegangene Fingerbiss eines Babys namens Charlie über sich selbst hinausweisend 760.000 US-Dollar wert werden. Das digitale Geld dafür muss lediglich jemand ausgeben – nur wer das natürlich ebenso digitale Echtheitszertifikat sein eigen nennt, dem gehört das künstliche Werk auch. Unabhängig davon, wie viele Fotos, Bilder, Kopien davon kursieren, ähnlich einem Gemälde, das auch hunderttausendfach fotografiert und in unzähligen Katalogen abgebildet wurde.

Sollten Sie – jetzt nach dem Auktions-Hype – auf den ersten der drei oben hinterlegten Links geklickt haben, wird Ihnen auf YouTube ziemlich zuverlässig erst einmal eine angeblich personalisierte Reklame ausgespielt, mindestens fünf quälende Sekunden lang, bis das erlösende Werbung überspringen erscheint. Ich frage mich, ob solche Filme nun eigentlich in Fünfsekündern gedacht werden müssten, nach der schon vorher erfolgten Twitter-gerechten Reduktion von Botschaften auf 280 Zeichen. Und nach der Quadratur der Markenbilder, damit diese in der Timeline von Social-Media-Kontexten prägnant erkennbar bleiben.          

Solche kommunikativen Folgen des technischen Wandels haben unsere Autorin Nina Shell sehr, Social Media hingegen so überhaupt nicht interessiert. All das, was Menschen heute eher neutral-distanziert und zum Teil anonym betreiben, hat sie als Mensch authentisch-münchnerisch selbst gelebt: Vernetzung, Begeisterung, Freundschaft. Nun ist sie völlig überraschend und viel zu jung verstorben – ich habe ihre Wegbegleiterin, die frühere Leiterin der Münchner Designwoche, Sabine Unger, gebeten, für diese 8daw-Ausgabe einen Nachruf zu verfassen. Vielen Dank dafür!

Mit betroffenen Grüßen 
wünsche ich ein trotzdem entspanntes Wochenende!
Boris Kochan

 

Die Bilder dieser 8daw-Ausgabe stammen von David Tolchock Maltjik Johansson, besser bekannt unter seinem Twitter-Handle Maltjik.jpg. Sie kommen erst einmal eher unschuldig daher, digital glatt und irgendwie sehr gewöhnlich. Doch dann schleicht sich ganz leise eine Irritation aus dem Untergrund an: gekonnte Kompositionen randvoll mit kunsthistorischen und fotojournalistischen Zitaten.


 
 

UNSOLD.jpg: Selbstportrait des Künstlers – Goldgräberstimmung, digital. 


Die Welt ist Sprache
 

Zwischen Sumatra und Bali liegt Java, eine vulkanreiche Insel im Indischen Ozean. Tropisches Klima lässt Bananen wachsen, Zuckerrohr und Papaya, Kaffee und Kakao. Die Amtssprache ist Bahasa Indonesia – eine von derzeit über 6.000 Sprachen, die weltweit gesprochen (oder gepfiffen) werden – zur Verständigung zwischen den Menschen, als Träger von Sinn und Inhalt, als Schlüssel zur Welt- und Selbsterfahrung, als Mittel, Gedanken in Raum und Zeit zu vervollkommnen, zu verbreiten und zu erhalten. Üblicherweise summieren sich alle Systeme zur Kommunikation unter dem Begriff Sprache, etwa auch Körper- oder Gebärdensprache, Bild- oder Musiksprache. Selbst im Tierreich wirken kommunikative Systeme – vom Gesang der Buckelwale bis zum Paarungstanz der Paradiesvögel – und neuerdings weckt die Sprache von Pflanzen, speziell von Bäumen, breites Interesse. Auch Systeme zur Repräsentation und Verarbeitung von Informationen werden als Sprache bezeichnet, etwa Programmiersprachen. Wer denkt, diese wären eine Entwicklung der Neuzeit, irrt gewaltig. Auf 850 n. Chr. wird eine hydroangetriebene Orgel datiert, die mittels automatisch austauschbarer Zylinder spielt. Am bekanntesten ist wohl der programmierbare Webstuhl, den Joseph Marie Jacquard um 1800 erfand, bei dem Lochkarten das Textildesign bestimmen. Die Mathematikerin Ada Lovelace entwarf um 1843 das erste Programm für eine Maschine namens Analytical Engine und gilt als Mitbegründerin der Informatik. Dann ging es rasend schnell. Von der Assemblersprache (ASM) über Fortran und Perl zu BASIC – Mitte der 1960er Jahre. Es folgten u.a. SQL, HTML und Java. Der Name Java leitet sich übrigens von einer Kaffeesorte ab, welche die Entwickler gerne im Café Java-City konsumierten. Bei den sehr komplexen und gut aufbereiteten Ergebnissen des Developer Survey 2020 von StackOverflow zwar nur im Mittelfeld, ist Java nach dem PYPL-Index die zweitbeliebteste Programmiersprache der Welt. [gw]

 

Wie kann Musik Menschen mit Hörschädigungen erreichen? Das Ensemble Sing & Sign besteht aus hörenden und hörgeschädigten Menschen und bringt Laut- und Gebärdensprache zusammen. Dabei übersetzt die Gebärdensprache nicht einfach nur den Text, die Gebärden zeigen auch die polyphonen Strukturen der meist barocken Werke auf und vertiefen die emotionale Berührung.


 
 

ETH TO LIVE.jpg: Es fragt sich, wer nun hier die Hand aufhält – und in der Welt von ETH und NFTs damit reich wird.


Maß und Zahl
 

Andy Warhol veranschlagte seinerzeit noch 15 Minuten, in denen in Zukunft jeder mal berühmt sein werde, unsere Bundesjustizministerin und ihr Gefolge brauchten nur noch 15 Sekunden, um große Schlagzeilen zu machen. Bei 15 Sekunden verläuft nun also die Bagatellgrenze, unterhalb derer der Urheberrechtsschutz von Musik in sozialen Medien und Streaming-Plattformen künftig in Teilen ausgesetzt ist, solange es sich dabei um eine mutmaßlich erlaubte Nutzung handelt. Da aber über Mutmaßungen zu mutmaßen müßig ist, soll hier versucht werden, das Heil im Konkreten zu suchen: Was also, fragen wir, sind schon lächerliche 15 Sekunden?

Tun wir mal so, als würde der Komponist Anton von Webern noch leben und hätte gerade seine Drei kleinen Stücke für Cello und Klavier auf Youtube eingestellt. Webern, der in seinem Werk stets versuchte, zur absoluten Essenz und Verdichtung eines musikalischen Gedankens vorzudringen, gelang 1914 mit diesem Werk ein Meilenstein der Musikgeschichte. In der Interpretation des Cellisten Lynn Harrel, dessen launige Einführung allein sich schon anzusehen lohnt, dauert das zweite der drei Stücke genau 15 Sekunden. Man muss diese Musik am Rande des Verstummens, wie Adorno sie nannte, nicht mögen, um zu erkennen, welches Maß an Durcharbeitung und Tiefe trotz ihrer Kürze darin steckt. Eine Bagatelle ist etwas anderes.

Und auch die Obergrenze von 125 Kilobyte beim kostenfreien Download von Bildern ist alles andere als zu vernachlässigen, wie der Fotograf Thomas Geiger demonstriert. Viel Besser sieht es da schon für Ernst Jandls berühmtes Gedicht Chanson aus, das mit 323 Zeichen (ohne Leerzeichen) deutlich über der Download-Obergrenze für Text liegt, die von 1.000 auf 160 Zeichen herabgesetzt wurde – immerhin! Aber erinnern diese Zahlenspielereien, nicht irgendwie auch an die absurde 20er Inzidenz, mit der Jens Spahn neulich aufwartete? Und könnte es womöglich sein, dass da aus Maß und Zahl, Zahlen ohne Maß geworden sind – gewissermaßen als Berliner Mutante von Sinn und Verstand? [um]


 
 

SWIMMINGPOOLS.jpg: Von Likes übermannt – und in die nackte Verzweiflung getrieben.


Man nehme 120 Gramm Butter …
 

Mit Schuhcreme bestrichen taugen sie angeblich hervorragend als Feueranzünder, hört man von Rekruten, wenn es um den Keks in der EPA, der Ein-Mann-Packung, geht. Schließlich wäre das klassische Bröseldilemma hier auch fatal, und die Regel besagt: Je zarter der Keks desto Krümel. Das weiß jedes Kind, zumindest, wenn es die Sesamstraße gesehen hat. Krümelmonster backt schließlich die zartesten Exemplare, hat seinen Namen aber auch dem Umstand zu verdanken, dass sich diese beim Knabbern atomisieren. Mit der Delikatess eines Kuchens, engl. cake, von dem sich die Bezeichnung Keks ableitet, hat das staubtrockene Gebäck nämlich wenig gemein. Hochgefühle beim Keksverzehr sind wohl eher einer Rezeptur geschuldet, die neben Mehl, Zucker und Ei Cannabisbutter enthält. Überredet: Hier geht’s zum DIY-Link!

Mindestens so kritisch wie diese Edibles werden Kekse beäugt, die ihre Krümelspur im Netz hinterlassen, ähnlich den Brotkrumen, die Hänsel und Gretel auf ihrem Weg durch den Wald streuten, um wieder zurückzufinden. Die Cookie genannten Textdateien, die von Websites verwendet werden, um Besucherprofile zu erstellen, sind zurzeit in aller Munde – und knirschen zwischen den Zähnen. Was die Teilchen so schwer verdaulich macht, ist einerseits ihr Ruf, Kontodatenklau, Identitätsmissbrauch und gar Erpressung Tür und Tor zu öffnen. Zum anderen aber auch die gesetzliche Vorschrift, dass User ausdrücklich in die Verwendung von Cookies bei ihrer Session einwilligen müssen. Dass die meisten dem zustimmen, ist dabei weniger dem Einverständnis geschuldet als der Tatsache, dass sich die meisten Cookie-Hinweise als abgefeimtes kommunikatives Verwirrspiel präsentieren – ob uns der Datenschutz da wirklich einen Gefallen getan hat? Andererseits: Wer kann es den Websitebetreibern, die ihre Inhalte für den Nutzer oft unentgeltlich zur Verfügung stellen, verdenken, wenn sie sich in Form von Werbung ein Stück vom (Leb-)Kuchen sichern wollen. Knusper knusper kneischen … [sib]


 
 

WORKING FROM HOME.jpg: Unheil und Maske – die trügerische Freiheit des Homeoffice-Alltags.


 
 
 
Ein letzter Gruß an Nina Shell
Nachruf von Sabine Unger
 

Liebe Nina, es fühlt sich an, als hätte jemand einen grausamen Scherz mit uns gemacht: Du seist gestorben, ganz plötzlich. Wir sind fassungslos und es ist immer noch surreal, aber ganz langsam begreifen wir, dass du tatsächlich nicht mehr da bist.

Du, mit der wir so viele Momente der Lebenslust, des Lachens und der sprudelnden Kreativität verbinden. Du, die viele von uns erst zusammengebracht und damit wertvolle Verbindungen initiiert hat. Denn du warst – und es ist bitter nun in der Vergangenheitsform sprechen zu müssen – eine begnadete Netzwerkerin, die es wie kaum eine andere verstand, Menschen und Projekte zusammenzubringen. Du konntest mit deiner Art die Herzen gewinnen und Menschen buchstäblich einfangen. Und du warst eine tolle Kollegin und Freundin, immer ansprechbar und hilfsbereit.

Mit deinen vielfältigen Fähigkeiten hast du in deiner beruflichen Laufbahn beeindruckt, ganz viel bewegt und andere inspiriert. Deine Meinung wurde überaus geschätzt. Der Satz Frag mal die Nina! fiel oft. Darüber hinaus warst du eine Meisterin der Sprache, unerbittlich in der Verteidigung ihrer korrekten Anwendung und in deiner Perfektion manchmal auch gefürchtet von Kolleg·innen und Auftraggeber·innen.

Voller Gestaltungsdrang hast du Projekte auf den Weg gebracht. Es gibt kaum jemanden in der Designszene Münchens, der die Nina nicht gekannt hat. Immer gesprochen als sei es ein Name … die Nina. Du hast einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Munich Creative Business Week (MCBW), die ein Herzensprojekt von dir war. Und wenn dir etwas wichtig war, hast du dich mit all deiner Kraft und rund um die Uhr zur Verfügung gestellt. Du schienst eine schier unerschöpfliche Energie zu haben und konntest sehr hartnäckig sein.

Last but not least (Du hast diesen Ausdruck gehasst, ich weiß!) haben wir ein Bild vor Augen, das sich fest eingebrannt hat: du und dein Hund Sofie, später dann Lotti. Es gibt wohl nur wenige Ministerien, Agenturen oder Showrooms, die du nicht mit deiner vierbeinigen Begleiterin besucht hast. Meist zur Freude deiner Gesprächspartner·innen, manchmal auch dir zuliebe geduldet, ihr habt eben zusammengehört.

Wir sind in Gedanken bei deiner Familie, der unser tiefes Mitgefühl gilt. Du hinterlässt Freund·innen, die um dich trauern und die dich als Mensch vermissen werden. Du hinterlässt berufliche Weggefährt·innen, die von deinem Tod tief berührt sind und deine Expertise und deinen kreativen Geist vermissen werden. Du hast einen Abdruck in dieser Welt hinterlassen und es bleibt eine schmerzliche Leerstelle. Aber du bleibst für uns immer … die Nina!


Das Fundstück der Woche

 
 

Wenn sich die Natur das fahrende Gerät zu ihrer Bearbeitung so ganz langsam zurückholt – und es sukzessive zum Verweis, zum Cookie einer früheren Zeit wird. 


 
 

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In der 8daw-Ausgabe BETA #13 vom 24. Juli 2020 haben wir uns unter anderem mit dem Thema geschlechter­spezifische Schreib­weise beschäftigt. Im Ergebnis fanden wir die Empfehlung eines Lesers für uns am geeignetsten: »Der Mittel­punkt (MacOS: Shift+Alt+9; Windows: Alt+0183) wird eingesetzt wie der Asterisk *, stört jedoch deutlich weniger den Lese­fluss der Leser·innen, weil er nicht nach Fußnoten ruft und auch keine Text­lücken reißt wie der Gender_Gap. Im Hinblick auf Lesbarkeit und Typografie­qualität also eine bessere Alter­native, und inhaltlich – als Multiplikationszeichen verstanden – treffend. Oder?« Wir stellen unseren Autor·innen jedoch frei, ob sie den Mittel­punkt oder eine andere Form benutzen. Alle personen­bezogenen Bezeichnungen sind jedenfalls geschlechts­neutral zu verstehen.


8daw ist der wöchentliche News­letter von Boris Kochan und Freunden zu Themen rund um den Wandel in Gesellschaft, Kultur und Politik, Unternehmen und Organisationen. Er erscheint in Verbindung mit Kochan & Partner und setzt so die lang­jährige Tradition der Netzwerk­pflege mit außer­gewöhnlichen Aus­sendungen in neuer Form fort. 8daw versteht sich als Community- und Kollaborations-Projekt insbesondere mit seinen Leser·innen – Kooperations­partner sind darüber hinaus zum Beispiel die GRANSHAN Foundation, die EDCH Foundation, der Deutsche Designtag (DT), der BDG Berufsverband der Deutschen Kommunikations­designer und die Typographische Gesellschaft München (tgm).

 

Herausgeber und Chefredakteur von 8daw sowie verantwortlich im Sinne des Presserechts ist Boris Kochan [bk], Hirschgarten­allee 25, 80639 München, zu erreichen unter boris.kochan@eightdaw.com oder +49 89 178 60-900 (facebookfacebookfacebook)
in Verbindung mit
Kochan & Partner GmbH, Hirschgarten­allee 25, 80639 München, news@kochan.de

Redaktion: Ulrich Müller [um] und Gabriele Werner [gw]; Chefin vom Dienst/Lektorat: Sigrun Borstelmann [sib]; Regelmäßige Autoren: Markus Greve [mg], Sandra Hachmann [sh], Herbert Lechner [hel], Nina Shell [nsh], Martin Summ [mas]; Illustrationen: Martina Wember [mwe]; Bildredaktion, Photo-Editing: Pavlo Kochan [pk] mit Unterstützung der Bild­redaktion von Kochan & Partner; Homepage: Pavlo Kochan [pk]; Design/Technik: Michael Bundscherer [mib]; Schriften: Tablet Gothic von Veronika Burian und José Scaglione sowie Coranto 2 von Gerard Unger über TypeTogether; Versand über Clever Reach.

Bildnachweis: 
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